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Kultur und Wissenschaft, Neue Medien

Digitalisierung der kurdischen Bildung…Deutsche Erfahrung


„Dieser Bericht wurde nicht nur zur Kritik an den Universitäten verfasst, sondern zur Sensibilisierung der Gesellschaft und der Intellektuellen Kurdistans; damit wir erkennen, dass der Wandel in der Bildung dort beginnt, wo das Bewusstsein erwacht. Digitalisierung und Technologie können ohne öffentliches Bewusstsein nicht verwirklicht werden.“

Dieser Bericht ist der Versuch einer realistischen Betrachtung der Bildungssituation in Kurdistan, von der Schule und Universität bis hin zu Projekten wie der „Kurdischen Universität in Dresden“. Das Ziel ist nicht nur Kritik, sondern die Findung eines praktischen Weges, um die kurdische Bildung auf ein Niveau zu heben, das sie befähigt, mit der digitalen Welt und den Veränderungen der Künstlichen Intelligenz (KI) Schritt zu halten.

Die Herausforderungen der Bildung in Kurdistan

Die Bildung in den verschiedenen Teilen Kurdistans leidet noch immer unter einer traditionellen Struktur. Die Klassenräume haben sich in ihrer Gestaltung und Lehrmethode kaum verändert. Die Melzamas (Skripte/Manuskripte) sind seit Jahren unverändert. Lehrende agieren meist als Quelle zum Auswendiglernen statt als Wegweiser für Forschung. Während sich die Welt durch Technologie, Daten und analytisches Denken bewegt, sind viele Bildungseinrichtungen in Kurdistan noch im Dreieck von Kreide, Heft und Fotokopie stecken geblieben.

In der Region Kurdistan (Südkurdistan) wurden Systeme wie Moodle und andere Bildungsplattformen eingeführt, doch diese beschränken sich größtenteils auf die Prüfungsebene, während sich die pädagogische Mentalität nicht gewandelt hat. Im Iran wurde digitales Lernen durch Anwendungen wie „Shad“ und „Navid“ umgesetzt, doch die kurdische Sprache ist im formalen Unterricht unsichtbar, und die Inhalte bleiben zentralistisch und verschlossen.

In Rojava-Kurdistan, beispielsweise in Kobanê, steht trotz eines kulturellen Willens der Mangel an digitaler Infrastruktur, Internet und wissenschaftlichen Bibliotheken der Entwicklung modernen Lernens im Wege.

Das Ergebnis ist, dass es in ganz Kurdistan zwar Unterricht gibt, aber die „Kultur des neuen Lernens“ noch nicht etabliert ist.

Bildung an den Universitäten

Die Universitäten Kurdistans ähneln äußerlich wissenschaftlichen Zentren, sind aber in der Praxis noch immer eher große Schulen. Die Lehrmethoden stützen sich auf die Wiederholung der Skripte (Melzama) und die abschließende Prüfung. Forschung, Datenanalyse und Feldarbeit haben nur einen geringen Stellenwert. Selbst in den Bereichen der Geisteswissenschaften und Sprachen sind die Lehrmittel oft veraltet und gedruckt, während die neue Generation von Studenten in einer virtuellen Welt lebt und deren Denken von Geschwindigkeit, Bildern und Vernetzung geprägt ist.

Wenn die universitäre Bildung sich nicht an diese Generation und diese Werkzeuge anpassen kann, wird sie, anstatt kritisches Denken zu lehren, nur Altes dokumentieren. In einem solchen Zustand wird die Universität nicht zum Motor des Fortschritts, sondern zum Lagerhaus der Vergangenheit.

Wege zur Weiterentwicklung

Die Weiterentwicklung der kurdischen Bildung beginnt im Klassenraum, nicht in den Ministerien. Die Lernmentalität muss von der „Übertragung“ zum „Analysieren“ wechseln. Jede Universität und jeder Dozent kann mit einigen einfachen Schritten diesen Wandel vorantreiben:

  • Nutzung offener und kostenloser Lernmanagementsysteme wie Moodle und Nextcloud.
  • Organisation von Workshops zur digitalen Lehre für Dozenten.
  • Aufbau von Online-Bibliotheken und Übersetzung wissenschaftlicher Quellen ins Kurdische.
  • Ermutigung der Studierenden zu Forschungsarbeiten und Projekten anstelle von Auswendiglernen.
  • Aktualisierung der Lehrmaterialien in den Bereichen Geisteswissenschaften, Technologie und Sprache.

Der pädagogische Wandel ist zuallererst ein Wandel in der Mentalität der Lehrenden und Professoren.

Die Idee der Universität Dresden und der Bedarf an materiellen und digitalen Ressourcen

Das Projekt zur Gründung einer Kurdischen Universität in Dresden, Deutschland, könnte eine Chance für die kurdische Bildung auf internationaler Ebene sein. Bisher gleicht diese Idee jedoch eher einem kulturellen Projekt als einer Universität und sucht noch nach einer tragfähigen Struktur. Das Fehlen von Finanzmitteln, wie etwa zwei Millionen Euro auf einem Bankkonto, während in der südlichen Region Kurdistan Milliarden von Dollar aus den Ressourcen des Bodens generiert werden, die jedoch nicht in Dienstleistungsbereiche fließen, zeigt das Problem auf. Trotz der Existenz eines Gebäudes, eines Gründungsausschusses und einiger Dozenten sind die Sprache und die Studienprogramme noch nicht festgelegt, und es wurde kein digitales oder Forschungssystem definiert.

Eine echte Universität ist nicht nur ein Gebäude; sie benötigt ein Netzwerk von Dozenten, Studierenden, Technologie, einer Bibliothek und Unterstützung. Wenn die Gründer dieses Projekts kontinuierliche materielle und digitale Ressourcen bereitstellen und von Anfang an Systeme wie Moodle, ILIAS oder BigBlueButton nutzen können, könnte das Projekt Dresden der erste ernsthafte Schritt für eine neue kurdische Bildung in Europa werden. Wenn die Struktur und die Systeme jedoch nicht definiert werden, besteht die Gefahr, dass dieses Projekt auf der Ebene eines bloßen Slogans verharrt.

Die deutsche Erfahrung und die heutige Form der digitalen Bildung

Die Erfahrung Deutschlands zeigt, dass neue Bildung nicht beim Bau beginnt, sondern beim Denken der Verwaltung und beim Vertrauen in Lehrende und Studierende.

In Deutschland ist digitales Lernen Teil des Alltags. Jeder Studierende loggt sich zu Beginn des Semesters in sein persönliches Konto in Systemen wie Stud.IP, ILIAS oder Moodle ein; dort ist alles zu finden: Studienplan, Dateien, Mitteilungen der Dozenten und Aufgaben. Der Hörsaal ist mit Laptops und Smartboards ausgestattet; wer nicht teilnehmen kann, wird von zu Hause über BigBlueButton oder Zoom zur gleichen Sitzung zugeschaltet. Nach dem Unterricht werden die Dateien und das Video der Vorlesung im System hochgeladen, und alles steht zur Wiederholung bereit.

Am Ende des Semesters gibt es zwar noch Prüfungen, aber oft in Form von Projekten, Forschungsarbeiten oder Analysen. Das Ziel ist die Bewertung des Denkens, nicht das Auswendiglernen von Informationen. Studierende nutzen Anwendungen wie SPSS oder Atlas.ti zur Daten- und Textanalyse und finden ihre Quellen in offenen wissenschaftlichen Datenbanken wie SpringerLink und BASE.

Die Technologie hat in Deutschland die Dozenten nicht ersetzt, sondern ihre Rolle erweitert. Der Dozent ist ein Wegweiser, kein Redner. Der Studierende ist ein Forscher, kein Schreiber. Und die Universität ist zu einem Umfeld für Diskurs, Experiment und die Produktion neuer Bedeutungen geworden.

Die Lösung zur Weiterentwicklung der kurdischen Bildung

Die Zukunft der kurdischen Bildung führt nicht über Nachahmung, sondern über das Verstehen von Erfahrungen. Wir müssen erkennen, dass digitale Bildung vor allem drei Dinge benötigt: Neues Denken, echte Infrastruktur und die Nationalsprache. Ohne eine Korrektur der Bildungsphilosophie werden Werkzeuge allein keinen Wandel bringen.

Ohne die technische Infrastruktur (Internet, Server, Anwendungen/Programme und stabile Elektrizität) ist digitale Bildung unmöglich. Und ohne die Präsenz der kurdischen Sprache in diesem Raum wird das Wissen immer ein Fremdkörper bleiben.

Der Weg der Weiterentwicklung besteht darin, dass kurdische Universitäten und Bildungseinrichtungen, egal welcher Größe, bereits heute beginnen, offene Systeme in ihre Struktur zu integrieren, Lehrende und Professoren auszubilden und mehrsprachige digitale Bibliotheken aufzubauen. Ideen gedeihen, wenn ihnen die reale Grundlage geboten wird.

Fazit

Die kurdische Bildung muss sich erneuern, um in der Ära der Künstlichen Intelligenz zu bestehen. Die Universität darf nicht länger nur ein Ort der Wissensvermittlung sein; sie muss zu einer Werkstatt des Denkens und der Forschung werden. Deutschland hat gezeigt, dass Tradition bewahrt und gleichzeitig das System erneuert werden kann. Wenn die kurdische Bildung es schafft, aus der Form des Skripts (Melzama) herauszutreten und in den digitalen Kreislauf einzutreten, wird sie sich nicht nur erneuern, sondern auch Teil des globalen wissenschaftlichen Diskurses werden.

Eine Universität, die überleben will, muss den Übergang vom Papier zu den Daten und von der Wiederholung zur Innovation vollziehen. Die Zukunft der kurdischen Bildung liegt nicht in Mauern, sondern in Geist und Netzwerken.

Abschließende Anmerkung

Dieser Bericht wurde nicht nur zur Kritik an den Universitäten verfasst, sondern zur Sensibilisierung der Gesellschaft und der Intellektuellen Kurdistans; damit wir erkennen, dass der Wandel in der Bildung dort beginnt, wo das Bewusstsein erwacht. Digitalisierung und Technologie können ohne öffentliches Bewusstsein nicht verwirklicht werden. Wenn kurdische Lehrende, Autoren, Journalisten und Künstler heute verstehen, dass neue Bildung Denken, Dialog und verantwortungsvolle Nutzung von Wissen bedeutet, ist der erste Schritt zum Wandel getan. Diese Schrift ist ein kleiner Teil desselben Weges – des Weges der Bewusstseinsbildung, damit unsere Gesellschaft selbst lernen will, wie sie ihre Zukunft gestaltet.

Quelle und Methode der Berichterstellung

Dieser Bericht basiert auf den persönlichen Erfahrungen des Autors als Absolvent einer Universität in der Region Kurdistan und auf der direkten Beobachtung des deutschen Bildungssystems. Die Analysen stützen sich auf Beobachtungen, Gespräche mit Dozenten und die Überprüfung offizieller Bildungssysteme wie Moodle, ILIAS und des Programms „DigitalPakt Schule“.


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