Die Mythologie von Schahmaran (Schahmaran) offenbart, dass der Osten, insbesondere das mesopotamische Gebiet, bereits bevor der Westen Theorien über Demokratie, Geschlechtergleichheit, Umweltschutz und weise Philosophien entwickelte, alle diese Werte in Schahmaran enthielt…
Zaryal und das Buch „Die Bestimmung der Welt“
Am Anfang der Geschichte schreibt Zaryal, ein kurdischer Gelehrter, ein Buch mit dem Titel „Die Bestimmung der Welt“ (oder „Der Wunsch der Welt“) und sagt: „Kein Lebewesen hat das Recht, ein anderes zu unterdrücken.“ Dieser Satz ist die Grundlage der Philosophie der Erzählung; ein Prinzip, das weit vor der griechischen Philosophie und den großen Weltreligionen über Naturrecht und Umweltethik spricht.
Die Idee, dass „kein Lebewesen ein anderes unterdrücken darf“, ähnelt den Ideen von Spinoza, der Gott und Natur als eins betrachtete. Dies wiederholt sich auch in der modernen Umweltphilosophie und im Ökofeminismus.
Wenn Jung diesen Teil analysieren würde, würde er sagen, dass Zaryal den „ersten Weisen“ repräsentiert; jemanden, der die Gesetze des Lebens von der Natur und nicht von himmlischen Befehlen lernt.
Die grundlegende Dualität (Überirdisch und Unterirdisch)
In der Geschichte ist die Welt in zwei Teile geteilt:
- Die Welt über der Erde: Der Ort des Königs, der Macht, der Krankheit und des Verrats.
- Die Welt unter der Erde: Die Zuflucht der Natur und der Weisheit, die Wiege der Matriarchin Schahmaran.
Diese Dualität wurde in dieser Legende schon lange vor Platon und Zarathustra thematisiert. Platon spricht von zwei Welten (der Welt der Ideen und der Schatten), während Zarathustra von der Kraft des Lichts und der Dunkelheit spricht. Aber die Geschichte von Schahmaran besagt, dass diese Teilung das Ergebnis der „Unterdrückung und des Verrats des Menschen“ ist, und kein ewiges Schicksal.
Jamasp und der erste Verrat
Das erste Anzeichen des Verrats der Söhne Adams zeigt sich, als Jamasps Freund ihn verrät und allein lässt. Dieser kleine Verrat war der Beginn eines größeren Verrats und zeigt, dass Verrat Teil der menschlichen Natur unter dem Druck von Macht und Gier ist.
Aus der Sicht Freuds ist dies der Konflikt zwischen dem „Es“ und dem „Ich“; bei dem der Überlebenswille und der persönliche Vorteil die Moral dominieren. Auch Jung würde sagen, dass dies das Auftauchen des inneren „Schattens“ ist, der in jedem Menschen existiert.
Die Ankunft in der idealen Stadt
Als Jamasp in der unterirdischen Welt ankommt, sieht er eine wahre Utopie; einen Garten voller Leben und Frieden, der von Schahmaran mit Weisheit regiert wird. Diese Stadt demonstriert die Philosophie der „Liebe zum Leben“ (Biophilie) von Erich Fromm, die im Gegensatz zur „Liebe zum Tod“ (Nekrophilie) der Welt des Königs steht.
Johann Bachofen argumentiert ebenfalls, dass die primitive menschliche Gesellschaft auf Matriarchat basierte. Hier ist die Frau nicht nur die Quelle des Lebens, sondern auch die Bewahrerin der Weisheit und der Naturgesetze.
Die diskursive Demokratie
Wenn Schahmarans Wesire Jamasp drei grundlegende Fragen stellen („Was ist das Leben?“, „Was ist der Tod?“, „Welche Kraft bewegt die Welt?“), ist dies ein leuchtendes Beispiel für eine diskursive Demokratie. Diese Demokratie existierte in dieser Legende, bevor Jürgen Habermas darüber nachdachte. Hier muss eine individuelle Entscheidung, bevor sie das allgemeine Schicksal beeinflusst, durch Diskussion und allgemeine Zustimmung genehmigt werden.
Die Rückkehr und der endgültige Verrat
Die eigentliche Tragödie der Geschichte geschieht, als Jamasp, aus Angst und unter Folter, gezwungen wird, das Geheimnis zu enthüllen. Dies ist nicht nur ein individueller Fehler, sondern die Wiederholung jener menschlichen Eigenschaft, die Erich Fromm und Hannah Arendt beschreiben. Die Angst vor dem Tod und der Hilflosigkeit zwingt den Menschen zum Verrat, selbst gegenüber der Person, die ihm Liebe und Freundlichkeit geschenkt hat.
Der kranke König und der Patriarchatskomplex
Der kranke König ist ein tiefes Symbol für die kranke und entgeistete patriarchale Phase. Seine Krankheit ist nicht nur körperlich, sondern psychologisch und philosophisch; die Krankheit entstand durch die Entfremdung des Menschen von der Natur und der weiblichen Natur.
Nietzsche sagt, dass der Wille zur Macht, wenn er in der Schöpfung verzweifelt, zum Verfall neigt. Der König wählte hier die Liebe zum Tod anstelle des Lebens.
Schahmarans Testament und mütterliche Gerechtigkeit
Schahmarans Testament bei ihrem Tod ist der höchste Punkt der Weisheit und Vergebung. Sie weiß, dass sie sterben wird, aber sie macht ihren Tod zur Quelle der Transformation. Ihr Blut wird zu drei Bechern:
- Für den König: Es bringt Gift und Tod, weil die Macht die Weisheit nicht akzeptieren kann.
- Für den Wesir: Es bringt Weisheit und Wissen, weil der Wesir nach Wissen dürstet.
- Für Jamasp: Es bringt Reinigung, weil die „mütterliche Liebe“ dem irrenden Kind Vergebung schenkt.
Dieses Testament zeigt, dass Weisheit und Gerechtigkeit entsprechend der Absicht und dem Zweck verteilt werden, nicht als Rache.
Schahmarans Wiederbelebung und der Kreislauf des Lebens
Schahmarans Tod ist nicht das Ende, sondern ein Anfang. Aus ihrem Körper steigt ein 14-jähriges Mädchen hervor. Dies ist ein Symbol für die Wiedergeburt und die Rückkehr der Natur und der Weisheit. So wie die Schlange durch das Abstreifen ihrer Haut wieder lebt, kehrt auch Schahmaran in einer neuen Form zurück. Diese Idee existierte in dieser Legende schon lange vor der hinduistischen Philosophie des Samsara und den Ideen Platons über die Rückkehr der Seele.
Das offene Ende und eine Philosophie für die Zukunft
Die Geschichte endet nicht mit einem geschlossenen Abschluss; die Zukunft der neuen menschlichen Gesellschaft bleibt ungewiss. Diese Art von Ende ermöglicht es dem Leser, sich am Verständnis der Geschichte zu beteiligen. Die Legende lässt die Frage offen: „Werden die Menschen aus Schahmarans Weisheit lernen und besser leben?“ Dies ist ein Merkmal der modernen Literatur, war aber in der Schahmaran-Geschichte schon viel früher präsent.
Das dialektische Ergebnis
Betrachtet man die Geschichte im Allgemeinen, so finden alle Ereignisse in einem dialektischen Rahmen statt. Die Dialektik ist der Gegensatz und die Kollision zweier Ideen oder Kräfte, um ein neues Ergebnis zu schaffen. Diese Geschichte ähnelt dem Schema von Hegel:
- These: Die patriarchalische Zivilisation und der König. Diese Phase repräsentiert Macht, Krankheit und Unterdrückung.
- Antithese: Die Natur und Schahmaran. Dies ist die Gegenkraft, die Leben, Weisheit und Matriarchat repräsentiert.
- Synthese: Die Wiedergeburt des neuen Mädchens. Das Ergebnis der Kollision dieser beiden Kräfte, das sich in einer neuen und ungewissen Zukunft manifestiert.
Marx hatte die gleiche Logik; er sagte, dass jedes tyrannische System untergeht, weil es die Grundlage seiner eigenen Zerstörung in sich trägt. Jung sagt, dass diese Tragödie das Symbol eines unbewussten und sozialen Archetyps ist, der sich ständig wiederholt.
Letztendlich sagt uns Schahmaran, dass Verfall und Zerstörung andauern, aber alles, was entschieden wird, liegt in den Händen der Natur und einer neuen Weisheit, die es verändern kann.
Die philosophische Dualität
In der Geschichte von Schahmaran gibt es eine tiefe Dualität: Unterwelt und Überwelt, Weisheit und Ignoranz, Matriarchat und Patriarchat, Leben und Tod. Schahmarans unterirdische Stadt steht mit ihrer Weisheit und ihrem Frieden im Gegensatz zur Stadt des kranken Königs.
Schahmarans Blut repräsentiert ebenfalls diese Dualität: Für den König ist es Gift, weil er mit Ignoranz und Unterdrückung verbunden ist; für den Wesir ist es Wissen, weil er das Bewusstsein repräsentiert; und für Jamasp ist es Reinheit und Erlösung, weil er vom Verrat gereinigt werden muss. Diese Dualität existierte in dieser Legende schon lange vor der griechischen und zoroastrischen Philosophie. Platon stellte später die Welt der Ideen und der Sinne gegenüber, Zarathustra sprach von Licht und Dunkelheit, Descartes sprach von Geist und Körper, und Nietzsche sprach von Dionysisch und Apollinisch. Aber Schahmaran zeigte, dass diese Dualitäten aus der menschlichen Erfahrung und dem Verrat der Söhne Adams entstehen.
Wiederholung und Kontinuität des Lebens…
Schahmarans Tod ist nicht das Ende. Ein vierzehnjähriges Mädchen wird aus ihrem Körper geboren. Diese Wiedergeburt erinnert an die Idee der Reinkarnation der Seele: Die Seele und das Leben wechseln die Form, gehen aber nicht verloren. Die Schlange selbst ist durch das Abstreifen ihrer Haut ein Symbol der Wiedergeburt. In der alten indischen Philosophie wurde diese Idee Samsara genannt, und die Pythagoräer und Platon sprachen ebenfalls von der Rückkehr der Seele. In der Jung’schen Psychologie ist diese Wiederholung ein Symbol für das Unbewusste und die Unsterblichkeit der Persönlichkeiten. Schahmaran sagt uns, dass Weisheit und Leben niemals verloren gehen, sondern in einer neuen Form zurückkehren.
Die philosophischen Fragen der Wesire
Die Wesire von Schahmaran erinnern uns mit ihren Fragen an die vorsokratischen Philosophen. Sie fragen, was das Leben ist, was der Tod ist und welche Kraft die Welt bewegt. Diese Fragen sind philosophisch, bevor die Philosophie in Griechenland oder Persien aufkam. Jamasp antwortet, dass Leben und Tod beide Geheimnisse sind und dass man in Freiheit und Gleichheit leben muss. Und dass Liebe die Kraft ist, die die Welt bewegt. Diese Antworten stammen nicht aus der geschriebenen Philosophie, sondern aus einer mündlichen Kultur.
Der Konflikt zweier Kulturen – Matriarchat und Patriarchat
In der Mitte der Geschichte stehen sich zwei Kulturen gegenüber: Die matriarchalische Kultur von Schahmaran, die auf Weisheit, Frieden und Respekt vor der Natur basiert, und die patriarchalische Kultur des Königs, die auf Macht, Gewalt und Autorität beruht. In den abrahamitischen religiösen Texten werden Frau und Schlange beide als Quelle der Sünde betrachtet. Dies steht im völligen Gegensatz zur Schahmaran-Geschichte, die Frau und Schlange als Quelle der Weisheit und des Lebens betrachtet.
Feministische Philosophinnen wie Simone de Beauvoir waren der Ansicht, dass die patriarchale Kultur die Frau als „die Andere“ und „schwach“ definiert hat. Aber in der Schahmaran-Geschichte ist die Frau das Zentrum der Zivilisation und der schöpferischen Kraft.
Der Königskomplex und die Psychoanalyse der Macht
Der König ist krank. Seine Krankheit ist nicht nur körperlich, sondern ein psychologischer Komplex: Er kann eine von ihm unabhängige Autorität und Weisheit nicht akzeptieren, insbesondere wenn diese Weisheit von einer Frau und der Natur stammt. Diese Krankheit ähnelt dem, was Erich Fromm als „Liebe zum Tod“ bezeichnet. Der König möchte durch das Trinken von Schahmarans Blut geheilt werden; das heißt, die Zerstörung der Frau und der Natur ist die Bedingung für das Überleben seiner Zivilisation.
Im Gegensatz dazu ist Schahmaran das Symbol der „Liebe zum Leben“: Selbst in ihren letzten Momenten ordnet sie in ihrem Testament an, dass ihr Blut Weisheit und Frieden bringen soll, anstatt nur zu zerstören.
Offenes Ende… Offene Philosophie…
Die Geschichte von Schahmaran hat kein abschließendes Ende. Der König stirbt, der Wesir erlangt Weisheit, Jamasp wird rein und Schahmaran kehrt in Form eines neuen Mädchens zurück. Aber die Zukunft der Zivilisation ist ungewiss: Werden die Menschen Schahmarans Weisheit nutzen, oder werden Verrat und Machtgier zurückkehren? Dieses offene Ende zeigt, dass die Philosophie des Lebens sich ständig wandelt und keine endgültige Antwort hat.
Philosophie und vorsokratische Fragen
Die Wesire von Schahmaran erinnern uns mit ihren Fragen an die vorsokratischen Philosophen. Sie fragen, was das Leben ist, was der Tod ist und welche Kraft die Welt bewegt. Dies sind dieselben Fragen, die die frühen griechischen Philosophen (Heraklit und Thales) stellten. Aber die Schahmaran-Legende zeigte, dass diese Fragen zuvor auch in der kurdischen und nahöstlichen Kultur existierten. Folglich wurde die Philosophie im Herzen der Menschen geboren, bevor sie in Bücher und formelle Schulen gelangte.
Die Legende von Schahmaran ist nicht nur eine einfache Geschichte, sondern ein Spiegel, der philosophische, soziale und psychologische Dimensionen offenbart. Am Anfang steht mit Zaryal die Weisheit und der Respekt vor der Natur im Mittelpunkt. Später wird mit der Ankunft von Jamasp der menschliche Verrat und die Gier nach Macht gezeigt. In Schahmarans Welt stehen Matriarchat und Demokratie im Gegensatz zur Welt des Patriarchats und der Krankheit des Königs.
Zusammenfassung
Die Mythologie von Schahmaran ist nicht nur eine lokale Geschichte, sondern ein Beweis dafür, dass der Osten, insbesondere die kurdischen Gebiete, diese Werte bereits im Herzen seiner Legenden pflegte, bevor der Westen zu Theorien über Demokratie, Geschlechtergleichheit, Umweltschutz und weise Philosophien gelangte. In Schahmaran begegnen wir einer Zivilisation, die auf Gynozentrik (Frau als Zentrum), Dialog und dem Zusammenleben mit der Natur aufgebaut ist und sich gegen die tyrannische patriarchalische Zivilisation stellt, die sich in Form des Königs und der Religion manifestiert. Diese Legende sagt uns, dass Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Umweltschutz keine neuen Erfindungen der westlichen Philosophie sind; ihre Wurzeln liegen vielmehr in den alten Erfahrungen des Ostens. Schahmaran hat durch ihren Tod und ihre Wiedergeburt bewiesen, dass Weisheit und Leben niemals verloren gehen, sondern immer zurückkehren, um uns daran zu erinnern, dass die Quelle der demokratischen Zivilisation in demselben Land und in derselben Mythologie liegt.
Am Ende sagt uns die Geschichte, dass Weisheit und Natur niemals verloren gehen. Dieses offene Ende lässt die Frage offen, anstatt eine endgültige Antwort zu geben: Werden die Menschen diese Weisheit nutzen oder nicht?











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